Trumps sprunghafte Entscheidungen verschärfen die US-Iran-Krise und reißen den Ölmarkt mit

Artikel von: Long Yue | Quelle: Wall Street Journal Am 23. April ging der Krieg zwischen den USA und Iran in die achte Woche. Noch vor wenigen Tagen deutete vieles auf Entspannung: Ein Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon trat in Kraft, Teheran kündigte die Wiederöffnung der Straße von Hormus an, Gespräche in Islamabad schienen greifbar. Dann erklärte Donald Trump, die US-Seeblockade werde nicht aufgehoben, und ordnete Kontrollen von Schiffen mit Ziel Iran an. Iran reagierte umgehend: Die Meerenge wurde wieder geschlossen, eine zweite Verhandlungsrunde категорisch abgelehnt. Diese Volte passt ins Muster. Seit Beginn des Konflikts dominiert ein Eindruck: Unberechenbarkeit bis hin zur "Madness". Neue Insiderberichte zeichnen das Bild eines Präsidenten, den Berater als "mad king" bezeichneten, zeitweise aus dem Krisenzentrum heraushielten und dessen spontane Kommunikation Märkte und Diplomatie gleichermaßen aus dem Takt brachte. "Mad King" Trump: Präsident zeitweise aus dem Lagezentrum ausgeschlossen Am 22. April berichteten US-Lokalmedien über Abläufe am Osterwochenende, die zeigen sollen, wie die Krise geführt wurde. Damals wurde ein US-Militärjet vom Typ F15 über iranischem Luftraum abgeschossen; beide Piloten galten zunächst als vermisst. Im Weißen Haus soll Trump stundenlang Mitarbeiter angeschrien haben. Er beklagte mangelnde Unterstützung aus Europa und verwies wiederholt auf die Bilder der Geiselkrise von 1979. Der Kontext war innenpolitisch brisant: Der landesweite Durchschnittspreis für Benzin lag bei 4,09 US-Dollar je Gallone. Trump soll sich über das Schicksal von Jimmy Carter (39. Präsident der USA) ausgelassen haben: Helikopter, Geiseln, Wahlverlust. Er verlangte eine sofortige Rettungsaktion. Berater bewerteten seine Ungeduld laut dem Bericht als kontraproduktiv und hielten ihn aus dem Entscheidungsprozess heraus, bis es operative Meilensteine gab. Vizepräsident Vance schaltete sich aus Camp David per Video zu, Stabschefin Susie Wiles aus Florida; das Team verfolgte den Einsatz im Minutentakt. Trump habe außerhalb gewartet. Ein Pilot wurde schnell gefunden, der zweite erst spät in der Nacht zum Samstag. Trump ging nach 2 Uhr schlafen. Sechs Stunden später, am Ostermorgen, folgte ein Post, der weltweit Aufsehen erregte: "Open the fuckin' strait, you crazy bastards, or you'll live in hell." Am Ende fügte er ein islamisches Gebet an. Laut ranghohen White-House-Vertretern war die Nachricht nicht Teil eines nationalen Sicherheitsplans, sondern eine spontane Eskalation. Trump habe erklären lassen, er wolle "so instabil und so beleidigend wie möglich" wirken, weil dies die Sprache sei, die Iraner "verstehen". Danach fragte er: "How was the response?" Zwischen Angst und Kalkül wechselte er innerhalb von 12 Stunden die Rolle. Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer sprach in einem Interview von einem "mad king". "Verrückter Krieg": Das Restvertrauen zwischen Washington und Teheran ist zerstört Unter dieser emotional aufgeladenen Führung gerieten die US-Diplomatie und die Verhandlungslogik aus Sicht von Beobachtern in die Rückwärtsbewegung. Iran betonte mehrfach, die eskalierenden Drohungen und die Launenhaftigkeit Washingtons seien der Grund für die Absage einer zweiten Gesprächsrunde. Mearsheimer verweist auf ein Zeitfenster am vergangenen Freitag: Als Iran die Straße von Hormus zunächst als Geste öffnete, hätte die US-Seite die Gelegenheit für Gespräche in Islamabad nutzen können. Stattdessen habe die Trump-Regierung die informelle Verständigung aufgekündigt: Trump kündigte öffentlich an, die Seeblockade gegen Iran nicht zu lockern, und gab dem Militär Anweisungen, iranische Schiffe abzufangen, unter Beschuss zu nehmen und zur Inspektion zu entern. Teheran vollzog daraufhin eine Kehrtwende und schloss die Meerenge erneut. Das Hin und Her in einem strategischen Schlüsselmoment habe die Glaubwürdigkeit Washingtons ausgehöhlt. Für iranische Hardliner sei die USA damit ein rücksichtsloser "Madman" ohne Vertragstreue, Verhandlungen würden sinnlos. Der Vertrauensbruch beschleunigte den Absturz der Gespräche. "Verrückte Strategie": Wie Israel den Krieg verkaufte und Trump steuerte Als Ursache für den Kontrollverlust beschreibt Mearsheimer eine ungewöhnliche "Auslagerung" von Großmachtstrategie an externe Lobby- und Einflusskräfte. Bis auf wenige Personen wie Verteidigungsminister Pete Hegseth hätten viele Militär- und Geheimdienstspitzen den Krieg stark bezweifelt oder abgelehnt. Sie hätten Risiken wie eine Blockade der Meerenge klar gesehen. Trump habe Warnungen ignoriert. Mearsheimer sagt: "The Israelis sold him a bill of goods." Im Situation Room hätten Mossad-Chef David Barnea und Premier Benjamin Netanyahu Trump ein Szenario versprochen: Die überlegene US-Militärmacht werde rasch einen klaren Sieg erzwingen, eine Schließung der Straße von Hormus sei kein ernstes Thema. Trump, fasziniert vom Beispiel eines angeblich "blutlosen" Regimewechsels in Venezuela binnen Stunden, habe zugestimmt. Nach Kriegsbeginn sah Trump dem Bericht zufolge Explosionen in Iran und ließ sich morgens zusammengeschnittene "Siegesvideos" zeigen. Berater schilderten, er sei von der militärischen Macht beeindruckt gewesen und habe die Performance der US-Streitkräfte wiederholt gelobt. Politisch brachte das keinen Durchbruch. Als die kritische Phase begann, trat strategischer Kontrollverlust offen zutage. Zwei Linien prallten aufeinander: Die Blockade der Meerenge trifft rund 20% des weltweiten Ölangebots. Das Militär schlug vor, Bodentruppen zu entsenden, um die Insel Hormus einzunehmen, über die 90% der iranischen Ölexporte laufen sollen. Trump lehnte wegen der Angst vor inakzeptablen US-Verlusten ab. Gleichzeitig soll Israel die USA umgangen und Irans größtes Gasfeld South Pars direkt angegriffen haben; Trump distanzierte sich daraufhin eilig in sozialen Medien. Abhängigkeit in der Strategie, Zögern in der Taktik: aus dieser Kombination sei ein Kontrollverlust über den Kriegsverlauf nahezu vorprogrammiert. "Verrücktes Hormus": Auf das Kernproblem war niemand vorbereitet Wenn Entscheidungen oben sprunghaft sind und externe Akteure Einfluss nehmen, kippt die Umsetzung unten in Chaos. Die Straße von Hormus ist dafür das Paradebeispiel. Vor Kriegsbeginn habe Trump dem Team gesagt, Iran werde bei der Meerenge vermutlich nachgeben; falls nicht, könne das US-Militär es lösen. Als der Tankerverkehr nach Beginn der Bombardierungen rasch zum Erliegen kam, seien Teile des Beraterstabs überrascht gewesen. Später habe Trump gesagt: "Someone with a drone could shut it down." Das Bittere: Die Initiatoren hätten die "Day after"-Frage nicht durchdacht. Jim Bianco, Gründer von Bianco Research, formulierte es am 23. April auf dem Hedgeye Investment Summit scharf: Es gebe keinen Plan für die Straße von Hormus, oder er sei wirkungslos. Entscheidend für den Markt sei der Ölfluss. Bei Nuklearfragen könne der Markt geduldig sein, bei Öl nicht. In diesem politischen Pingpong stieg Brent über 102 US-Dollar und machte den Rückgang der Vorwoche vollständig wett, die Aufwärtsbewegung setzte sich fort. "Der wahnsinnige Markt": Der Preisanker bei Rohöl bricht weg Wenn Politik ihren Anker verliert, verlieren ihn auch die Finanzmärkte. Besonders schnell trifft es Basisrohstoffe. Bianco sieht ein Warnsignal: Die Preisbildungsfunktion des globalen Rohölmarkts sei gestört. In normalen Zeiten liegen die Spreads zwischen Western Canadian Select, Brent, WTI und Spot Oman meist eng bei 1 bis 2 US-Dollar. Jetzt seien die Unterschiede inmitten von Blockaden und einem Konflikt ohne absehbares Ende auf 60 US-Dollar explodiert. In extrem bärischen Fällen fänden sich 70 US-Dollar, in extrem bullischen physische Offerten von 130 US-Dollar. Für Bianco belegt diese Streuung, dass die physische Vernetzung des Ölmarkts durch Geopolitik zerschnitten wurde. Brent über 102 sei Symptom; gefährlicher sei, dass der Preisanker verschwunden ist. Anders gesagt: Niemand weiß, was Öl wirklich wert ist. Das sei keine Volatilität, sondern ein Marktversagen. Parallel dazu wirken die US-Finanzmärkte wie in einer "Weltuntergangsparty": US-Aktien markieren weiter neue Hochs. Kapital handelt hochfrequent auf Trumps emotionale Posts, fast wie bei Meme-Stocks. Schon kleine positive Signale aus dem Weißen Haus lösen Kaufwellen aus. Während der Krieg weiterläuft, soll Trump laut Bericht bei Spendern prahlen, er verdiene die Medal of Honor, und sich mit Renovierungsplänen für den Ballsaal des Weißen Hauses befassen. Die Realwirtschaft sendet ein anderes Signal. Der University of Michigan Consumer Sentiment Index, ein 74 Jahre alter Indikator, fiel im März auf 47 Punkte und damit auf ein historisches Tief. Die Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage sei stärker als in der Subprime-Krise 2008, nach 9/11 und in der Hochinflation der 1970er. Ein K-förmiges Bild: Aktienbullen feiern, während 4,09 US-Dollar pro Gallone Benzin die Belastungsgrenze vieler Haushalte sprengen. Manipuliert Trump den Markt? Für Marktteilnehmer ist das die heikelste Frage. Keith McCullough brachte es auf dem Summit auf den Punkt: Trump wirke zunehmend komfortabel damit, Marktbewegungen nach Belieben in die gewünschte Richtung zu drücken, weil viele zu stark auf Einzelfaktoren starrten. McCullough verwies darauf, dass die Korrelationen zwischen US-Dollar, Öl, Gold und Bitcoin nahe 95% lägen. "It's not complicated": Wer Richtung von Öl und Dollar antizipiert, könne die Richtung fast aller Assets ableiten. Brisanter ist ein Detail aus seiner Darstellung: Iranische Offizielle verbreiteten bereits LEGO-Memes, die sich darüber lustig machen, dass jemand offenbar immer Öl shortet, bevor Trump verkündet, die Meerenge werde "bald" geöffnet. "It's already an open secret", sagte McCullough, und es scheine niemanden zu stören, weil alle dasselbe wollten: steigende Kurse. Das eigentliche Risiko Mearsheimer formulierte im Interview einen Kernpunkt: Die Trump-Regierung müsse ein Abkommen wollen. Zwei Gründe: Durch Eskalation könne sie nicht gewinnen, und sie riskiere, die Weltwirtschaft über eine Klippe zu schieben. Trump sende mal Signale in Richtung Deal, mal in die Gegenrichtung. Genau das mache die Lage gefährlich: weniger die bewusste Zerstörung einer Seite als ein systemischer Kontrollverlust durch chaotische Entscheidungen. Trump scheut Bodentruppen zur Einnahme der Insel Hormus, droht zugleich in sozialen Medien maximal und sendet widersprüchliche Botschaften, sobald Berater zu steuern versuchen. In diesem "Game of chicken" wartet jede Seite darauf, dass die andere blinzelt. Wenn aber ein Entscheider selbst unberechenbar ist, lässt sich nicht mehr berechnen, wo das Nash-Gleichgewicht liegt. Ein einmal angelaufener Kontrollverlust ist kurzfristig schwer zu stoppen.