Ölpreis-Schock treibt Zinsen nicht nach oben – Märkte setzen auf Rezessionsrisiko
Seit der Schließung der Straße von Hormus am 2. März sind weltweit Ölexporte von rund 17,8 Mio. Barrel pro Tag beeinträchtigt. Allein im März sprang Brent um fast 60% nach oben, WTI legte um etwa 53% zu. Für Brent ist es der stärkste Monatsanstieg seit Einführung der Futures 1988 – und damit höher als das Plus von 46% während des Golfkriegs 1990.
Eigentlich würden stark steigende Ölpreise die Inflationserwartungen anheizen und die Renditen nach oben drücken. Über weite Teile der vergangenen zwei Jahrzehnte liefen Öl und die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen tatsächlich im Gleichschritt. Diesmal nicht: Nach einem gemeinsamen Anstieg in den ersten drei Märzwochen (WTI von 67 US-Dollar auf 100 US-Dollar, 10-jährige Rendite von 4,15% auf 4,44%) kam die Wende zwischen dem 27. und 30. März. Während Öl weiter nach oben schoss, fiel die 10-jährige Rendite von 4,44% auf 3,92% – ein Rückgang um 52 Basispunkte in drei Handelstagen, inklusive Rutsch unter die psychologisch wichtige 4%-Marke.
Das Muster entspricht einer klassischen "Flucht in sichere Häfen": Am Anleihemarkt überlagern Wachstums- die Inflationsrisiken. Oxford Economics formulierte es so: "Wachstumsrisiken beginnen, Inflationsrisiken zu überwiegen." Der Markt blendet Inflation nicht aus – er fürchtet nur stärker eine Rezession.
Solche Entkopplungen sind selten und historisch meist kein gutes Zeichen. In den vergangenen 50 Jahren gab es fünf Phasen, in denen Ölpreise kurzfristig um mehr als 35% stiegen. 1973 führte das Ölembargo zu einem Rückgang des US-BIP um 4,7%. 1979 ließ die Iranische Revolution das globale BIP um 3 Prozentpunkte unter den Trend fallen. 1990 löste der Golfkrieg eine kurze Rezession in den USA aus. 2008 erreichte Öl 147 US-Dollar; die Finanzkrise war zwar der Hauptauslöser, der Ölpreisschock beschleunigte aber den Abschwung. Die Ausnahme war 2022: Der durch den Russland-Ukraine-Krieg ausgelöste Preissprung führte nicht zur Rezession, aber zur stärksten Inflation seit 40 Jahren.
Der Anstieg im März 2026 übertraf alle genannten Fälle. Fed-Ökonom James Hamilton betont zwar, es gebe keinen mechanischen Zusammenhang zwischen Ölpreisschocks und Rezessionen. Dennoch gelte: "Je größer der Nettoanstieg der Ölpreise, desto stärker die Belastung für Konsum und Investitionen." Goldman Sachs hob die Rezessionswahrscheinlichkeit für die USA auf 30% an, die Beratung EY-Parthenon liegt bei 40%.
Auffällig ist auch das Tempo, mit dem sich die Markterzählung drehte. Anfang März signalisierte das CME-FedWatch-Tool drei Zinssenkungen im Jahresverlauf, mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% für einen Schritt im Juni. Mit dem Ölpreisanstieg verschob sich das Bild: Am 26. März sprang der US-Importpreisindex um 1,3%, der designierte Fed-Chef Kevin Warsh deutete an, der neutrale Zins könnte höher liegen. An diesem Tag stieg die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im laufenden Jahr auf 52%, die 10-jährige Rendite erreichte 4,35%. FinancialContent nannte das "The Great Hawkish Pivot".
Vier Tage später war der Spuk vorbei. Am 30. März brach das Verbrauchervertrauen stark ein, die Industrie schrumpfte überraschend, die 10-jährige Rendite fiel auf 3,92%. Laut FinancialContent stieg die Markterwartung für eine dovishe Fed-Wende im Mai auf 65%. Goldman Sachs erklärte, der Markt habe die Richtung der Zinspolitik falsch eingeschätzt. Am selben Tag sagte Powell vor Studierenden in Harvard, die Fed "habe noch nicht den Punkt erreicht, an dem sie entscheiden müsse, ob sie die Kriegswirkungen durchschaut", betonte aber, "verankerte Inflationserwartungen seien entscheidend". Axios zufolge wurden die Aussagen so verstanden, dass die Fed weder aggressiv gegen Inflation hochzinsen noch rasch zur Konjunkturstützung senken will – sondern abwartet, ob der Angebotsschock vorübergehend oder dauerhaft ist.
Der Anleihemarkt wartet nicht. Citi-Stratege McCormick bringt es laut Bericht auf den Punkt: Es droht Stagflation – schlecht für Anleihen, schlecht für Aktien. Die Stagflationsphase 1973 bis 1982 liefert eine klare historische Benchmark: Gold erzielte real annualisiert +9,2%, der S&P GSCI Rohstoffindex stieg über das Jahrzehnt um 586%, Immobilien kamen auf +4,5%. Der S&P 500 lag real annualisiert bei 2%, langlaufende US-Treasuries bei 3%. Nach Daten der NYU Stern verzeichneten langlaufende Treasuries 1979 sogar einen Jahresverlust von 8,6%.
Ein klassisches 60/40-Portfolio (60% Aktien, 40% Anleihen) gerät damit unter Druck. In einem Stagflationsumfeld können vor allem Realwerte die Inflation schlagen.
Société Générale erwartet für April einen durchschnittlichen Brent-Preis von 125 US-Dollar und sieht einen "glaubwürdigen Peak" bei 150 US-Dollar. Goldman Sachs ist moderater: im April im Schnitt 115 US-Dollar – unter der Annahme, dass die Straße von Hormus innerhalb von sechs Wochen wieder normal funktioniert und die Preise bis Jahresende auf 80 US-Dollar fallen.
Der Bondmarkt hat seine Entscheidung längst getroffen: Zwischen Inflation und Rezession setzt er auf Rezession.