OCC-Entwurf untersagt Rehypothezierung von Reserven und drängt Nichtbanken aus der Stablecoin-Emission

Die US-Bankenaufsicht Office of the Comptroller of the Currency (OCC) hat am 25. Februar 2026 einen 376 Seiten starken Entwurf einer Notice of Proposed Rulemaking (NPRM) vorgelegt (Federal Register Docket No. 91 FR 10202). Das Papier enthält 211 Fragen zur Konsultation und gilt als erstes umfassendes Umsetzungsregelwerk eines US-Bundesregulators zum GENIUS Act, der am 18. Juli 2025 unterzeichnet wurde. Stellungnahmen können bis zum 1. Mai 2026 eingereicht werden; als Zieltermin für die Finalisierung nennt der Entwurf den 18. Juli 2026 (Quelle: OCC NPRM, 202602). Kern des Regelwerks ist ein Lizenzrahmen für Stablecoin-Emittenten (PPSI) mit 1:1-Reservepflicht, die fortlaufend zum Fair Value einzuhalten ist, einer maximalen Rückzahlungsfrist von zwei Geschäftstagen und einem strikten Verbot, Reserveaktiva zu verpfänden, erneut zu besichern oder anderweitig wiederzuverwenden. Der Entwurf kappt damit explizit die strukturelle Verbindung zwischen DeFi-Renditestrategien und regulierten Stablecoins: Reserveaktiva dürfen weder für Collateralization noch für Recollateralization oder irgendeine Form der Wiederverwendung eingesetzt werden, ohne Ausnahmen und ohne Übergangsfrist. Für große Emittenten mit einem Umlaufvolumen von über 25 Mrd. US-Dollar sieht der Entwurf zusätzlich eine vollständige Einlagensicherung für Einlagen in Höhe von 0,5% der Reserven vor (gedeckelt auf 500 Mio. US-Dollar) und verlangt eine Diversifikation über mehrere Institute (Quelle: Sullivan & Cromwell, 202603). Wird eine annualisierte Rückzahlungsschwelle von 10% ausgelöst, kann sich die Rückzahlungsfrist automatisch auf sieben Kalendertage verlängern; die OCC ist binnen 24 Stunden zu informieren (Quelle: Jones Day, 202603). Marktseitig wurde der Entwurf häufig als "vollständiges Verbot von Stablecoin-Renditen" interpretiert. Eine Policy-Analyse von CoinDesk verweist jedoch darauf, dass die vorgesehenen "rebuttable presumptions" kein absolutes Verbot darstellen und Spielräume für plattformseitige Rewards oder Händler-Rabatte lassen (Quelle: CoinDesk, 202603). Unter Beobachtung stehen u.a. Yield-Konstruktionen rund um Coinbase und Circle/USDC, die im Lichte dieser Vermutungsregeln eher in Richtung Loyalitätsprogramme statt Zinszahlungen umgebaut werden könnten (Quelle: Perkins Coie, 202603). PayPals PYUSD steht vor ähnlichen Abgrenzungsfragen. Die eigentliche Marktbereinigung zielt nach Einschätzung von COINFOUND weniger auf Ertragsmodelle als auf Kapital- und Abwicklungsmechanik. Der Entwurf enthält eine harte "Waterfall"-Logik: Verfehlt ein Emittent am Quartalsende die Kapitalanforderungen, darf er keine neuen Einheiten mehr ausgeben. Bei zwei aufeinanderfolgenden Quartalen unterhalb der Standards droht eine verpflichtende Liquidation; währenddessen dürfen keine Rücknahmegebühren erhoben werden. Damit erhöht sich die Eintrittsbarriere und verschiebt die Überlebensfrage auf die Fähigkeit, unter einem Reserve-Regime ohne Rehypothezierung dauerhaft Kapitaltests zu bestehen. Die OCC beziffert die praktisch notwendige Mindestkapitalausstattung für neue Antragsteller auf 6,05 Mio. bis 25 Mio. US-Dollar (Quelle: Covington & Burling, 202602). Banknahe Tochtergesellschaften haben zudem einen deutlichen Kostenvorteil, weil sie Compliance-Infrastruktur nicht von Grund auf neu aufbauen müssen. Parallel verschiebt die OCC das AML/CFT-Regelwerk ausdrücklich auf eine spätere, separate Regelsetzung durch das US-Finanzministerium. Lizenzierte Emittenten würden damit zunächst ohne vollständig ausdefinierten AML/CFT-Compliance-Rahmen operieren und das daraus entstehende Regulierungsrisiko selbst tragen. Für den Markt ergibt sich daraus ein klares Konsolidierungssignal. In den nächsten Monaten dürfte die Debatte von der Frage der Verfassungsmäßigkeit eines möglichen Yield-Verbots hin zur Ausgestaltung belastbarer Kapitalpfade wandern. Mittelfristig (6–18 Monate) gilt die Einstufung von Tether als größter Unsicherheitsfaktor: Für eine Registrierung als Offshore-PPSI (FPSI) müsste das US-Finanzministerium die Aufsicht im Heimatland als "comparable" anerkennen, und Tether müsste sich der Zuständigkeit US-Bundesgerichte unterwerfen. Eine solche Entscheidung ist bislang nicht getroffen; Zeitplan und Präzedenzfälle fehlen, politische Unsicherheit bleibt hoch (Quelle: Sullivan & Cromwell, 202603). Verzögerungen oder ein negatives Votum könnten die Verfügbarkeit von Tether in den USA institutionell begrenzen und USDC als einzig großen, vollständig US-konformen Stablecoin stärken. Der Entwurf skizziert zudem einen engen Umsetzungsfahrplan: Nach Inkrafttreten der finalen OCC-Regel würde eine 120-Tage-Frist starten. Sollte die finale Regel noch vor Juli 2026 veröffentlicht werden, könnte der GENIUS Act bereits ab November 2026 wirksam werden – mit dem Anspruch, dass die notwendige Compliance-Umstrukturierung des Stablecoin-Marktes bis dahin abgeschlossen ist. Risikohinweis: Die größte Unsicherheit liegt in der Abweichung zwischen Entwurf und Finalregel, insbesondere bei der noch offenen Grundsatzentscheidung zu Liquiditätsstandards (Option A: prinzipienbasiert vs. Option B: quantitativ und verpflichtend) innerhalb der 211 Kommentarpunkte. Zudem ist das AML/CFT-Regelwerk noch nicht veröffentlicht; die hieraus entstehenden Kosten sind in der aktuellen Wirkungseinschätzung nicht enthalten. Datenstand: März 2026. Branchenlobbying im Konsultationsprozess kann die Stoßrichtung des Entwurfs deutlich verändern. Ein zentraler Gegentrigger wäre eine positive "comparable"-Feststellung des US-Finanzministeriums zugunsten von Tether, die den Zugang zum US-Markt legitimieren und die Marktanalyse wesentlich verschieben könnte. Diese Inhalte dienen ausschließlich Informations- und Analysezwecken und stellen keine Anlageberatung dar. Quellen: Jones Day (März 2026); Sullivan & Cromwell (202603); Perkins Coie (März 2026); Covington & Burling (Februar 2026); Elliptic (202603); CoinDesk (202603).